Flowering Plants

Die Blütenpflanzen stehen bei der Vermehrung vor einem Problem: die reifen Samen können sich nicht in direkter Nähe der Mutterpflanzen entwickeln. Denn hier fehlen ihnen die Nährstoffe und das Licht. Die Natur hat deshalb eine Vielzahl an klugen Strategien entwickelt, um die Samen an entfernte Orte zu bringen, an denen sie aufwachsen können. 

Die raffinierteste Strategie entwickelte die Natur vor 240 Millionen Jahren, als es den Blütenpflanzen gelang, durch verführerische Farben, Formen und Gerüche Tiere anzulocken um sie zu unfreiwilligen Kurieren ihres Samens zu machen. Bienen lassen sich auf den Blüten nieder, um den süßen Nektar aufzusaugen, der sich darin befindet. Dabei berühren sie automatisch die Staubblätter der Blüte, in denen sich die Pollen befinden. Die Pollen bleiben am Körper der Bienen hängen, die dadurch – wie viele Insekten und Vögel – zu Samenkurieren der Pflanze werden. Dieses Zusammenwirken von Pflanzen und Tieren bewirkte, dass sich auf der Erde eine unendliche Menge von Blütenpflanzen entwickelte, die unseren Planeten vielfältiger und farbenreicher gemacht hat. Von den 350 000 Pflanzenarten, die uns heute bekannt sind, sind 90 Prozent Blütenpflanzen.

Lady Margret

Eine Befruchtung der Pflanzen findet nur statt, wenn die Insekten und Vögel die Pollen zu einer Blüte der gleichen Art befördern. Deshalb haben die verschiedenen Pflanzen Blüten mit ganz unterschiedlichen Farben, Formen und Gerüchen ausgebildet: Sie zielen damit auf Insekten oder Vögel, die sich genau von diesen besonderen Reizen anlocken und verführen lassen. Zielt eine Pflanze etwa auf Vögel als Bestäuber ab, färbt sie ihre Blüten oft rot, da die Tiere diesen Ton besonders gut erkennen können. Sollen Bienen rekrutiert werden, verwendet sie meist Gelb oder Blau und vermeidet Rot: Denn die Insekten nehmen diese Farbe kaum wahr. Pflanzen, die nachtaktive Motten als Kuriere verwenden, öffnen ihre Blüten eher nachts und färben sie weiß, damit sie auch im Dunkeln zu erkennen sind. Häufig verströmen sie darüber hinaus noch einen süßen Geruch, um den Insekten zu helfen, sie zu finden.

Der Mohn entfaltet seine leuchtend roten Blüten im Frühsommer. Sie gehören zu den ersten farbigen Blüten des Jahres. So anziehend sie für das Auge sind, wirklich einladend sind sie für Insekten nicht, denn die Mohnblüte ist meist borstig behaart. Nach der Bestäubung bildet die Pflanze glatte, harte Kapseln aus, in denen sich eine Vielzahl kleiner Samen bildet. Wenn die Mohnkapseln reif geworden sind, bedarf es nur eines Windstoßes oder der Berührung eines Tieres und der elastische Stängel des Mohns beugt sich so weit herab, dass die kleinen, öligen Samen aus der Kapsel fallen und durch den Wind oder am Fell eines Tieres haftend an einen anderen Ort getragen werden.

Pflanzen erobern oft als Erste einen neuen Lebensraum. Das gelingt den fest verwurzelten Wesen nur, weil sie ihre Nachkommen mitunter zu Tausenden auf eine kilometerlange Reise schicken. Dass der Wind viele Samen, weit durchs Land tragen kann, liegt an ihrer Bauweise. Zum Beispiel durch eine wabenförmige Außenhülle.  Als ein ultraleichtes Gebilde mit großer Stabilität, können die Samen mühelos vom Wind über Felder, Wiesen, Wälder und Gewässer transportiert werden. In der Natur gibt es vielfältige Formen solcher Leichtbaukonstruktionen. Mit der Kraft des Windes können Samen weit entfernte Orte erreichen. Sie sind zu diesem Zweck mit Flügeln, Haaren oder Hohlräumen ausgestattet oder sie sind klein wie ein Sandkorn. Dadurch sinken sie nicht nur sehr langsam zu Boden, sondern werden auch von jeder Böe erfasst und weitergetragen.

Wasseraufbereitung: Zum Schwimmen geschaffen Der Samen des Sumpf–Helmkrautes (scutellaria galericulata), der wie ein Gebilde aus dem Weltraum erscheint, hat eine wasserundurchlässige Oberfläche und ist so leicht, dass er durch Bäche, Flüsse und Strömungen bis in entfernte Regionen befördert wird. Das Sumpf–Helmkraut nutzt die Kraft des Wassers gleich auf zweierlei Weise: Wenn die einsamigen Früchte reif sind, werden sie durch Regentropfen aus dem umgebildeten Blütenkelch herausgeschleudert und mit der Strömung weggeschwemmt.

Tierausbreitung: Reisen per Anhalter Auf dem Bild, das den Samen eines Raublattgewächses zeigt (hackelia), ist das Klettenprinzip gut erkennbar. Nach allen Seiten hat der Samen Widerhaken ausgebildet, die sich an den Körper der Tiere festhaken. Dadurch wird er an Orte befördert, an denen er das Licht und die Nährstoffe für sein Wachstum findet. Das besondere dieser Samen ist, dass sie nicht nur leicht sein müssen, sondern auch in sich so viele Nährstoffe speichern müssen, dass sich der Pflanzenembryo im Sameninneren über den langen Zeitraum der Reise hinweg ernähren kann. 

Windausbreitung: Von der Luft getragen Wie ein kleiner Zeppelin treibt der Samen des Sommerwurzgewächses durch die Luft (castilleja flava). Die wabenartige Aussenhülle, mit einer Länge von 1,3mm, verleiht dem ultraleichten Gebilde Stabilität, ohne es zu sehr zu beschweren.

Die Strategie der meisten Pflanzenarten lässt sich mit umsichtiger Investitionsplanung vergleichen: Sie verteilen ihre Saat in unterschiedlicher Entfernung. Das meiste bleibt in der Nähe liegen, wo es den Fortbestand der Art sichern soll. Andere Samen reisen dagegen viele Kilometer weit. Dabei geht die Pflanze ein hohes Ausfallrisiko ein, doch im Extremfall gelingt ihrem Nachkommen so die Eroberung eines vollkommen neuen Lebensraums.